Zweifarbige Ständelwurz
Epipactis bicolor
H. PRESSER & S. HERTEL 2025


*Epipactis bicolor * Weitere Erkenntnisse zur Vielfalt der Epipactis-Arten im südlichen Italien, Stefan Hertel und Helmut Presser; Berichte aus den Arbeitskreisen Heimische Orchideen. 42 (1): 223-253 (2025).

Abb. 1
Italien, Monti del Matese, L.c. 27.07.2020
Foto: HP
Typus: Typus: Italien, Kampanien, Monti del Matese, n Piedimonte Matese, alt. s. m. 1020 m, unterwuchsarmer Bereich an einem Fahrweg im Tal, Buchenwald, 30.07.2018

Syn.: -

Etymologie:
bicolor: benannt nach der Zweifarbigkeit der Sepalen

Wuchs und Größe:

extrem klein bis mittelgroß, Wuchshöhe (6) 8 -32 (45) cm


Stängel:

meist einzeln, bei kleinen Exemplaren sehr dünn und hin und her gebogen, sonst meist gerade oder nur leicht gebogen, rein grün; schwach, oben locker, flaumig, weiß behaart


Blätter:

0-1 schuppenförmiges Niederblatt
weitere Laubblätter (2) 3–5 (8), mittelgrün, breit lanzettlich, oval bis lang oval (bei kleinen Exemplaren auffallend lang und schlank, mehr als die halbe Größe der Pflanze), die größten 3-8 x 1,5-5 cm, waagrecht abstehend, an den Enden überhängend, teils stark nach unten gebogen; flach ausgebreitet, oft mit leicht gewelltem Rand; Blattansatz grün bis beige

Hochbl ätter (0–1), lanzettlich spitz, bis 6 x 1 cm

Blütenstand:

bei kleinen Exemplaren sehr kurz, ansonsten normal, 10-40% der Pflanze einnehmend, nur (2) 3-14 (19) Blüten, öfter m.o.w. einseitswendig

Spindel im Bereich des Bl ütenstandes kurz und weißlich behaart, durch obligate Autogamie nahezu 100% Fruchtansatz

Fruchtknoten und Stiel:

Stiel grün bis bronzefarben; Fruchtknoten hell- bis dunkelgrün, fast unbehaart


Tragblätter: lanzettlich, leicht hängend, die untersten etwas kürzer bis länger als die Blüten, ca. 0,7–2,5 x 0,2–0,7 cm

Blüten:

äußerst klein bis klein, relativ farbig, waagerecht orientiert bis hängend, bei Trockenheit auch kleistogam, generell unterschiedlich weit geöffnet; Knospen oval, zugespitzt


Bestäubung obligat autogam

Sepalen:

innen grün, öfter mit violettem Streifen in der Mitte, außen etwas dunkler und im basalen Drittel manchmal dunkelrosa überlaufen (im Abblühen?), teils mit rosa überlaufenem Rand; die seitlichen deutlich asymmetrisch (in der basalen Hälfte stark nach unten verbreitert), ca. (5) 9–10 mm lang und (2) 3,5–4,5 mm breit


Petalen:

weiß bis rosa, z.T. mit dunkler Mittelrippe, eiförmig, spitz, ca. (4,5) 6–7,5 mm lang, (2) 3–4 mm breit; tendieren dazu, sich nach einiger Zeit nach vorne auszurichten


Hypochil:

halbkugelig, (2,5) 3–3,5 mm × 2,5–3 mm, eher tief, außen weißlich, innen hellbraun; mit meist kurzem, breitem Kragen, kaum Nektar führend


Durchgang zwischen Hypo- und Epichil:

schmal bis breit V-förmig

Epichil/Calli:

breiter als das Hypochil, breit dreieckig bis herzförmig, die kurze Spitze gewöhnlich nach unten gebogen, ca. (2) 2,5–3 mm × (1,5) 3–3,5 mm, grünlich weiß bis weiß, seltener rosa, meist mit sehr kleinem rosa Zentrum im Bereich des Mittelkallus; Seitenkalli oft stark aufgewölbt, Mittelkallus sehr schwach ausgeprägt bis fehlend


Gynostemium:

Klinandrium und Rostellum normal entwickelt, das Klinandrium ist deutlich breiter als die darin liegenden Pollinien; Anthere gestielt; Viscidium anfangs deutlich sichtbar, aber auch in frischem Zustand gewöhnlich funktionsunfähig; Narbe oval bis breit rechteckig, Pollinien meistens beim Aufblühen schon krümelig

 

 

Blütezeit:

spät (fast zeitgleich mit E. purpurata) und kurz;

E 7 – A (M) 8

Abb. 2
Italien, Monti del Matese, L.c. 25.07.2023
Foto: HP

Abb. 3
Italien, Monti del Matese, L.c. 27.07.2020
Foto: HP
Variabilität:

Epipactis bicolor variiert hauptsächlich im Habitus, auch die Färbung der Blüte und der Öffnungsgrad sind variabel
Verwechslungsmöglichkeit:

Habituell ähnlich kann Epipactis majellensis sein, es fehlen jedoch sowohl sehr kleine als auch hochwüchsige Pflanzen. Ebenso fehlen Pflanzen mit bunten Blüten, ein stark gefärbter Kallus kommt nicht vor. Auch zweifarbige Sepalen kommen nicht vor, ihr Epichil ist meist schmaler. Weniger zierlich (die Laubblätter werden deutlich länger), doch ähnlich in der Blüte ist E. ariosica. Deren Petalen neigen ebenfalls dazu, sich im Laufe der Anthese nach vorne zu orientieren. Die Blüten, speziell die Lippen, sind jedoch weniger farbig, der Durchgang Epichil-Hypochil ist enger, die Kalli sind zentriert. Eine weitere zierliche Art ist Epipactis etrusca, die sich jedoch schon durch den stämmigen Habitus mit einem kräf­tigeren Stängel und die bläulich grünen Laubblätter abhebt. Auch hier fehlen sowohl sehr kleine als auch hochwüchsige Pflanzen, kräftiger gefärbte Blüten mit deutlichem Kallus und zweifarbigen Sepalen.

Verbreitung

Gebiet:

Die Sippe wurde bisher in den Monti del Matese, vom Monte Alto Rotondo und aus dem Parco del Partenio nachgewiesen.

Höhe:

1020 - 1250 m


Verbreitungsgebiet Stand 2026
Kartenquelle: www.mygeo.info

Abb. 4
Italien, Monti del Matese, L.c. 30.07.2018
Foto: HP
Standort

Boden:

basisch, auf steinigen, lockeren, humusreichen Böden sowie auf Lehm

Exposition:

v.a. nord- bis ostexponiert, sowie eben in Tallage

Biotoptyp:

Die Art besiedelt Buchenwälder mit ausreichendem Niederschlag, teils in steiler Hanglage. Sie bevorzugt krautarme Bereiche, meist mit diversen anderen Orchideenarten.

Besonderheiten
Sterile Pflanzen sind sehr selten. Schon winzige Exemplare können mit einer Blüte blühen, deren Blüte dann auffallend klein ist.
Problematik
Ob die auffallende Zweifarbigkeit an der Außenseite der Sepalen in der späteren Anthese durchgehend ist, konnte noch nicht untersucht werden. Diese Zweifarbigkeit wurde bisher nur bei Pflanzen der Typus-Population in den Monti del Matese festgestellt werden. Auch sind die winzigen Pflanzen mit den besonders kleinen Blüten offenbar nur in der Typus-Population zu finden. Möglicherweise ist der Untergrund dort besonders nährstoffarm.

Abb. 5
Italien, Monti del Matese, L.c. 31.07.2019
Foto: HP

Abb. 6
Italien, Monti del Matese, L.c. 27.07.2020
Foto: HP

Abb. 7
Italien, Monti del Matese, L.c. 31.07.2019
Foto: HP

Abb. 8
Italien, Monti del Matese, L.c. 09.08.2020
Foto: HP

Abb. 9
Italien, Monti del Matese, L.c. 09.08.2020
Foto: HP

Abb. 10
Italien,
Monti del Matese, L.c. 25.07.2023
Foto: HP

Abb. 11
Italien, Monti del Matese, L.c. 31.07.2019
Foto: HP


Abb. 12
Italien, Monti del Matese, L.c. 27.07.2020
Foto: HP


Abb. 13
Italien, Monti del Matese, L.c. 27.07.2020
Foto: HP

Abb. 14
Italien, Monti del Matese, L.c. 27.07.2020
Foto: HP

Abb. 15
Italien, Monti del Matese, L.c. 31.07.2019
Foto: HP

Abb. 16
-Typus-
Italien, Monti del Matese, L.c. 30.07.2018
Foto: HP

Abb. 17
Italien, Monti del Matese, L.c. 31.07.2019
Foto: HP

Abb. 18
Italien, Monti del Matese, L.c. 27.07.2020
Foto: HP

Abb. 19
Italien, Monti del Matese, L.c. 09.08.2020
Foto: HP

Abb. 20
-Typus-
Italien, Monti del Matese, L.c. 30.07.2018
Foto: HP

Abb. 21
Italien, Monti del Matese, L.c. 27.07.2020
Foto: HP

Abb. 22
Italien, Monti del Matese, L.c. 27.07.2020
Foto: HP

Abb. 23
Italien, Monti del Matese, L.c. 31.07.2019
Foto: HP

Abb. 24
Italien, Monti del Matese, L.c. 31.07.2019
Foto: HP

Abb. 25
Italien, Monti del Matese, L.c. 31.07.2019
Foto: HP

Abb. 26
Italien, Monti del Matese, L.c. 31.07.2019
Foto: HP

Abb. 27
Italien, Monti del Matese, L.c. 31.07.2019
Foto: HP

Abb. 28
Italien, Monti del Matese, L.c. 31.07.2019
Foto: HP

Abb. 29
Italien, Monti del Matese, L.c. 31.07.2019
Foto: HP

Abb. 30
Italien, Monti del Matese, L.c. 27.07.2020
Foto: HP

Abb. 31
Italien, Monti del Matese, L.c. 31.07.2019
Foto: HP

Abb. 32
Italien, Monti del Matese, L.c. 27.07.2020
Foto: HP

Abb. 33
Italien, Monti del Matese, L.c. 31.07.2019
Foto: HP

Abb. 34
Italien, Monti del Matese, L.c. 09.08.2020
Foto: HP

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