Grüne Hohlzunge
Coeloglossum viride
(L.) HARTMAN (1820)


Bas.: Satyrium viride L.,
Sp. Pl. 2: 944 (1753)

Lectotypus:
LOESEL, Fl. pruss.: fig. 59, dextra. 1703. Herkunft: Rußland, Umgebung von Kaliningrad, ca. 1650, leg. J. LOESEL (BAUMANN, KÜNKELE & LORENZ 1989: 447, 578-579).

Synonyme:
Dactylorhiza viridis (L.) R.M. BATEMAN, PRIDGEON & CHASE 1997

Etymologie:
Coeloglossum: (griechisch) koilos = hohl ; glossa = Zunge
viride: (lateinisch) viridis = grün


Abb. 1
Habitus
Brandlberg, 12.06.2011
Foto: U. Grabner

Beschreibung

In den meisten Fällen stehen die Pflanzen einzeln, seltener in kleinen Gruppen. Die Wuchshöhe ist stark standortabhängig. In beschatteten Bereichen wie z.B. den montanen Fichtenwäldern oder Bergwiesen der Mittelgebirge kann die Hohlzunge durchaus bis zu 30 cm hoch werden, während Pflanzen der alpinen Lagen oftmals kaum 10 cm erreichen.

Die 3-7 Laubblätter sind bläulich-grün, ungefleckt, spitz oval und (ähnlich wie bei der Gattung Dactylorhiza) am Stängel verteilt.
Der Blütenstand ist relativ locker mit 5-30 kleinen, grünen bis rötlichen Blüten besetzt, die lanzettllichen Tragblätter können in etwas so lang wie die Blüten sein, diese aber auch deutlich überragen und das Erscheinungsbild der Blütenähre dominieren.
Die Perigonblätter sind über dem Säulchen zu einem lockeren Helm zusammengeneigt und auf der Außenseite oftmals rotbraun überlaufen.

Charakteristisch und namensgebend ist die Blütenlippe. Ihre zungenartige Form und die mittlere Rinne an der Basis brachten ihr den treffenden Namen ein.
Eine Lippenzeichnung, oder farbige Saftmale, wie man sie bei Dactylorhiza-Arten findet, fehlen bei der Hohlzunge völlig. Sie muss die Insekten auch nicht ducrh optische Reize, oder Düfte täuschen. Sie bietet ihren Bestäubern Nektar an, der sich zum einen am Grund des kurzen, sackartigen Spornes befindet und ferner durch die links und rechts des Sporneingangs befindlichen Drüsen auf die Lippenoberfläche abgesondert wird.
Die Viscidien sind räumlich voneinander getrennt und befinden sich links und rechts oberhalb des Sporneinganges.
Als Bestäuber sind nach heutigen Erkenntnissen in erster Linie Käfer und Schlupfwespen tätig. Falter konnten als Bestäuber bisher nicht nachgewiesen werden. Ebensowenig eine öfter vermutete Selbstbestäubung (J. CLAESSENS & J. KLEYNEN 2011).


Variabilität:
Beträchtlich in Wuchshöhe (meist standortbedingt), Färbung der Blüten und Länge der Tragblätter.


Abb. 2
Einzelblüte
Hinterthal (Österreich)
01.06.2004
Foto: U. Grabner
Blütezeit:
Langes Blühfenster von Ende Mai bis Mitte Juli, abhängig von der Höhenlage und Mikroklima des Standortes.
Im Gebirge etwas vor den Nigritella- und Gymnadenia-Arten zur Hochblüte gelangend.
M. KLÜBER (2009) berichtet von phänologisch versetzten Blütezeiten in unterschiedlichen Arealen der Rhön.


Verwechslung:
In den hohen Lagen ist eine Verwechslung mit der Zwergorchis (Chamorchis alpina) denkbar, diese besitzt jedoch stets grundständige, grasartige Blätter und kleinere Blüten mit einer gelblichen Lippe.

Das Große Zweiblatt (Listera ovata) besitzt nur zwei gegenständige, breit eiförmige Blätter und eine grüne, tief zweigespaltene Lippe.


Abb. 3
Habitus in ca. 2000 m Höhe, begleitende Orchideen waren hier Chamorchis alpina und div. Nigritella-Arten.
Hochplatte, 28.06.2003
Foto: U. Grabner

Abb. 4
Zur Hochblüte gelangt C. viride ca. 1 Woche vor Nigritella rubra.
Wandspitz bei Sachrang, 25.06.2006
Foto: U. Grabner

Lebensraum in Bayern

Alpen und Alpenvorland:
Auf kurzgrasigen Wiesen und Weiden, Buckelwiesen, Legföhrengebüschen und Zwergstaruchheiden, sowohl über Kalk wie auch auf saurem Untergrund. Im Alpenvorland mitunter auch in mäßig feuchten Bereichen von Streuwiesen.
In den montanen Regionen findet man sie vereinzelt auch in bemerkenswert schattigen Bereichen von Laubmischwäldern und montanen Fichtenwäldern.
Ihre Höhengrenze erreicht sie in Bayern bei ca. 2300 m.

Nordbayerische Hügellandschaft:
Magere, oberflächlich versauerte Wiesen und Weiden, lichte Laubmischwälder sowie lichte Kiefernwälder und deren Randbereiche im Muschelkalkgebiet der mittleren und nördlichen Frankenalb.


Abb. 5
Blütenstandsauscchnitt
Rauhkopf, 26.06.2005
Foto: U. Grabner

Abb. 6
Beweidete Bergwiese als typischer Lebensraum in den Alpen. Begleitende Orchideenarten waren hier u.a. Pseudorchis albida und Nigritella austriaca
Rauhkopf, 26.06.2005
Foto: U. Grabner

Abb. 7
Blütenstandsausschnitt
Rauhkopf, 26.06.2005
Foto: U. Grabner

Abb. 8
Habitus
Königstein, 20.05.2011
Foto: K. Pillipp

Abb. 9
Gepflegte Bergwiese in der Oberpfalz
Königstein, 03.06.2010
Foto: S. Erras

Abb. 10
Einzelblüte
Königstein, 20.05.2011
Foto: K. Pillipp

Verbreitung
Das Gesamtverbreitungsgebiet dieser Art erstreckt auf der nördlichen Erdhalbkugel von Nordamerika bis Ostasien,
in Europa von Island bis zum griechischen Festland und von Spanien bis West-Rußland, wobei sie im pontischen Gebiet fehlt und in den Gebirgen des Mittelmeerraumes nur sehr selten auftritt.

© AHO-Bayern e.V.
Verbreitungskarte im PDF- Format

Verbreitung in Bayern / Gefährdung

Naturräumlich bedingt stellt Südbayern den Verbreitungsschwerpunkt innerhalb Bayerns bzw. Deutschlands dar.
Außerhalb der Alpen befindet sich die Art in starkem Rückgang. In Bayern gibt es nur noch vereinzelte Vorkommen in der Mittleren und Nördlichen Frankenalb, dem Hinteren Oberpfälzer Wald und Oberpfälzer Hügelland.
Die Vorkommen im bayerischen Teil der Rhön konnten nicht mehr bestätigt werden und sind wohl bereits erloschen.
Coeloglossum viride ist trotz ihrer hohen ökologischen Amplitude außerordentlich konkurrenzschwach und reagiert sehr empfindlich auf Standortveränderungen, vor allem Eutrophierung jeglicher Art.
Der Umstand, dass es sich bei dieser Art generell um eine sehr kurzlebige Orchidee handelt, könnte ein weiterer Aspekt in Bezug auf das schnelle vollkommene Erlöschen vieler Vorkommen sein.

Coeloglossum viride ist außerhalb der Alpen stark gefährdet (RL 1-2)




Abb. 11
Almwiesen mit aspektbildenden Klappertopfbeständen. Begleitende Orchideenarten hier Dactylorhiza majalis und Dactylorhiza fuchsii
Valepp, 05.06.2011
Foto: U. Grabner

Abb. 12
4 Gattungen auf einem halben Quadratmeter, Nigritella rubra, Gymnadenia alpina, Orchis ustulata und mittig C. viride.
Tanneralm, 26.06.2010
Foto: U. Grabner

Abb. 13
Blütenstand
Ettal, 08.06.2003
Foto: K. Pillipp

Abb. 14
Mäßig feuchte Bereiche der gepflegten Streuwiesen als Lebensraum.
Grasleiten, 21.05.2011
Foto: U. Grabner

Abb. 15
Habitus
Rauhkopf, 26.06.2005
Foto: U. Grabner

Abb. 16
Habitus
Valepp, 05.06.2011
Foto: U. Grabner

Abb. 17
Habitus
Hinterthal (Österreich), 01.06.2004
Foto: U. Grabner

Abb. 18
Habitus
Königstein, 03.06.2010
Foto: S. Erras

Abb. 19
Habitus
Hohenstein, 14.05.2010
Foto: B. Tenschert

Abb. 20
Fruchtstand
Ötztal (Österreich), 12.08.2012
Foto: U. Grabner

Abb. 21
Blütenstand
Brandlberg, 01.07.2006
Foto: U. Grabner

Abb. 22
Blütenstand
Steineberg, 25.06.2005
Foto: U. Grabner

Abb. 23
Blütenstand
Rauhkopf, 11.07.2004
Foto: U. Grabner
Uwe Grabner

Literatur:

  • AHO-Bayern e.V. (2005) Orchideen in Bayern

  • ARBEITSKREISE HEIMISCHE ORCHIDEEN (2005) Die Orchideen Deutschlands: 348-353

  • CLAESSENS H. & J. KLEYNEN (2011) The flower of the europaen orchid - form and function

  • HEINRICH, W. & V. KÖGLER (2004) Jour. Eur. Orch. 36 (2): 405 - 430: Die Orchidee des Jahres 2004 - Grüne Hohlzunge [Coeloglossum viride (L.) Hartmann]

  • KATTARI, S.G. (2004) Orchideen zwischen Chiemsee und Kaisergebirge, DIE ORCHIDEE 55 (6); [054-055]

  • KLÜBER, M. (2009) Orchideen in der Rhön

  • PRESSER, H. (2000) Die Orchideen Mitteleuropas und der Alpen, Landsberg/Lech S.100-107

  • RIECHELMANN, A. (2011) Die Orchideen der Fränkischen Schweiz

  • WOLF, C. (2000) Ber. Arbeitskr. Heim. Orchid. Beih. 5: 45-73; 2000 Jubiläumsschrift der 25-Jahr- Feier des AHO Bayern e.V.
    Lebensräume der Orchideen in den Waldgebieten Bayerns

Zurück
© 2012 AHO Bayern e. V.