Strohgelbes Knabenkraut
Dactylorhiza ochroleuca
(WÜSTNEI ex BOLL ) HOLUB (1974)


Bas.: Orchis incarnata var. ochroleuca BOLL,
Archiv des Vereins der Freunde der Naturgeschichte in Mecklenburg 14: 307 (1860)

Typus:

Deutschland, Mecklenburg: bei Steinberg

Etymologie:
ochroleuca: ochroleucus (griechisch) = gelblichweiß, bezogen auf die Blütenfarbe

Dactylorhiza ochroleuca - Habitus,
Ettal, 08.06.2003

Foto: U.G.
Beschreibung

Meist einzeln, seltener in Zweiergrüppchen wachsend.
Im Habitus ähnelt sie, abgesehen von der Blütenfärbung, sehr dem wesentlich häufiger vorkommenden Fleischfarbenen Knabenkraut (D. incarnata).
Durchschnittlich sind die Pflanzen jedoch etwas robuster und höher im Wuchs (35 - 65 cm) mit etwas schmaleren, oft (!) eng am kräftigen, hellgrünen Stängel anliegenden ungefleckten, hellgrünen Blättern.

Der Blütenstand ist meist auffallend dicht- und vielblütig.
Charakteristisch und namensgebend ist vor allem die weißlich-gelbe Färbung der Blüten.
Es werden keine Anthocyane gebildet, sodass den Pflanzen jegliche Rotfärbung fehlt.
Die Lippe ist am Rand leicht gezähnt, mit etwas zurückgeschlagenen Rändern und im Zentrum etwas intensiver gelb gefärbt.
Eine Lippenzeichnung ist nicht vorhanden.
Markant ist das etwas "zusammengezwickte" Aussehen der Lippe im unteren Bereich.


Variabilität:
Vor allem in der Wuchshöhe, Blattform, Blattstellung, und Dichte des Blütenstandes, welches abhängig von der Vitalität der einzelnen Individuen ist.


Blütenstand
Ettal, 08.06.2003
Foto: U.G.
Blütezeit: Anfang Juni bis Anfang Juli, Blühbeginn etwas nach D. incarnata. Größtenteils überschneiden sich die Blütezeiten.

Blütenstandsausschnitt
Chiemsee, 12.06.2004

Verwechslung:
Am schwierigsten ist die Unterscheidung von weiß- oder cremeweiß blühenden Formen der Dactylorhiza incarnata. Oftmals weisen diese jedoch zumindest kleine Spuren von Rotfärbungen in den Blüten auf,
manchmal schon als kaum sichtbare Reste einer Lippenzeichnung oder rötliche Pollenfächer, die bei D. ochroleuca stets gelblich sind.
Selten jedoch treten bei D. incarnata auch Exemplare ohne jegliche Rotfärbung in den Blüten auf. In diesem Fall sollte man Merkmale wie Habitus (meist eng am Stängel anliegenden Blätter bei D. ochroleuca) und die Intensität der Gelbanteile in den Blüten zu Rate ziehen (intensiver gelb gefärbtes Lippenzentrum bei D. ochroleuca).

Das ebenfalls blassgelblich blühende Blasse Knabenkraut (Orchis pallens) blüht bereits Anfang Mai, besitzt etwas intensiver gelbe Blüten und breite, oberseits glänzende Blätter, die am Grund rosettig angeordnet sind. Ihre Standorte liegen in trockenen Waldbereichen.

Lebensraum
Offenbar besteht eine feste Bindung an die Moore in den Senken der eiszeitlichen Endmoränengebiete.
Die sehr seltene Orchidee wächst gern voll besonnt in lockeren Schilfbeständen oder Schilfrändern von extensiv bewirtschafteten Moorwiesen, die aus dem mineralischen, kalkreichen Grundwasser gespeist werden (z.B. nasse Streuwiesen in Seeverlandungs-zonen). Aber auch Hangquellmoore im Alpenvorland stellen gelegentlich einen geeigneten Lebensraum dar.
Sie ist deutlich anspruchsvoller an die Standortbedingungen als D. incarnata, mit der sie oftmals den Biotop teilt.
In Bayern wurde sie bis in eine Höhe von 930 m nachgewiesen. Im Allgemeinen liegt die Höhengrenze bei 650 m.


Chiemsee, 20.06.2006
Foto: U.G.

Biotop bei Murnau/ Oberbayern, 18.06.2006
Foto: U.G.

Einzelblüte,
Ettal, 18.06.2005

Foto: U.G.

Verbreitung
Mittel- und Nordeuropa.
Die genauen Grenzen sind noch unklar.
Nach derzeitigem Kenntnisstand erstrecken sich die Vorkommen von der Schweiz bis nach Polen, nördlich erreicht sie Südschweden und Südostengland.
In allen Gebieten existieren nur sehr vereinzelte Vorkommen, oftmals mit nur wenigen Exemplaren.
In Deutschland liegt der Verbreitungsschwerpunkt in den Endmoränengebieten der Alpen und Norddeutschlands.
Jedoch sind in der Vergangenheit etliche Vorkommen aufgrund Entwässerung und Nutzungsintensivierung erloschen.

© AHO-Bayern e.V.
Verbreitungskarte im PDF- Format

Verbreitung in Bayern / Gefährdung
Naturräumlich bedingt stellt Südbayern einen Verbreitungsschwerpunkt innerhalb Deutschlands dar.
Einzelheiten sind der Karte zu entnehmen.
Gefährdet ist die Art in erster Linie durch Eingriffe in den Wasserhaushalt, Intensivierung der Nutzung, insbesondere Düngung - aber auch durch Brache mit einhergehender Verbuschung und Zunahme der Schilfdichte.
Eine schonende Nutzung der Moorwiesen als Streuwiesen mit Mahd im Herbst scheint den verbliebenen Vorkommen am zuträglichsten.

Dactylorhiza ochroleuca ist stark gefährdet (RL 2)


Der Lebensraum - Moorwiesen im ehemaligen Stammbecken des Ammergletschers, gespeist durch Quellaustritte der Ammer und Regenwasser, Ettal, 10.06.2007
Foto: U.G.

Gelbe Pollenfächer, Ettal, 18.06.2005
Foto: U.G.

Im Biotop gemeinsam mit D. incarnata
Chiemsee, 12.06.2004

Foto: U.G.

In Einzelfällen können auch Exemplare mit abstehenden Blättern auftreten
Ettal, 27.06.2004

Foto: U.G.

Ettal, 18.06.2006
Foto: UG

Ettal, 08.06.2003
Foto: U.G.
Uwe Grabner

Literatur:

  • AHO-Bayern e.V. (2005) Orchideen in Bayern

  • ARBEITSKREISE HEIMISCHE ORCHIDEEN (2005) Die Orchideen Deutschlands: 348-353

  • KATTARI, S.G. (2004) Orchideen zwischen Chiemsee und Kaisergebirge, DIE ORCHIDEE 55 (6); [054-055],

  • PRESSER, H. (2000) Die Orchideen Mitteleuropas und der Alpen, Landsberg/Lech S.100-107

  • WOLF, C. (2000) Ber. Arbeitskr. Heim. Orchid. Beih. 5: 45-73; 2000 Jubiläumsschrift der 25-Jahr- Feier des AHO Bayern e.V.
    Lebensräume der Orchideen in den Waldgebieten Bayerns

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