Müllers Ständelwurz
Epipactis muelleri
GODFERY 1921


Unterfamilie: Epidendrioideae
Tribus: Neottieae
Subtribus: -
Blütezeit: M 6 - E 7
Abb. 1
Ausschnitt Blütenstand, Moggast, 12.07.2009
Foto: A. RIECHELMANN
Synonyme:
Helleborine latifolia subsp. muelleri (GODFERY);
Epipactis helleborine subsp. muelleri (GODFERY) O. BOLOS, MASALLES & VIGO
Epipactis latifolia
var. muelleri (GODFERY) SCHLECHTER
Parapactis epipactoides W. ZIMM.

Etymologie:

Müllers Ständelwurz hat ihren Namen nach dem Lippstädter Oberlehrer Hermann Müller (1829-1883) erhalten, der an dieser Art erstmalig Selbstbestäubung (Autogamie) bei wild wachsenden Orchideen nachweisen konnte. Hermann Müller ist darüber hinaus durch den so genannten „Lippstädter Fall“ bekannt geworden, weil er 1878 die Darwinsche Abstammungslehre im Unterricht vorgetragen hatte, was zu einer wüsten Pressekampagne gegen ihn und sogar zu einer dreitägigen Debatte im preußischen Abgeordnetenhaus führte. 1879 wurde als Ergebnis dieser Auseinandersetzungen zunächst allen preußischen Oberlehrern die Behandlung der Deszendenzlehre im Unterricht verboten und wenig später der Biologieunterricht an den höheren Schulen Preußens überhaupt abgeschafft.


Abb. 2
Habitus, Birkenreuth, 11.07.2009
Foto: A. RIECHELMANN

Beschreibung:

Mittelgroße, schlanke Pflanze, 25-60 cm hoch. Stängel aufrecht, hellgrün. Laubblätter sichelförmig gebogen bis überhängend, rinnig gefaltet, an den Rändern gewellt, lang zugespitzt, meist zweizeilig angeordnet, gelblich grün. Untere Laubblätter lanzettlich, die oberen schmal-lanzettlich und in die Tragblätter übergehend. Blütenstand reich- und relativ lockerblütig, meist einseitswendig. Tragblätter lineal-lanzettlich, hellgrün, die unteren länger als die Blüten, waagerecht abstehend bis herabhängend. Blüten mittelgroß, gelblichgrün, glockig geöffnet, hängend. Perigonblätter locker ausgebreitet. Sepalen lanzettlich, zugespitzt, hell- bis gelblichgrün. Petalen etwas kürzer als die Sepalen, weißlich bis hellgrün. Lippe zweigliedrig, Hypochil schüsselförmig, innen kardinalrot, selten grünlich, nektarführend. Epichil herz­förmig stumpf, die Spitze etwas zurückgeschlagen, grünlichweiß, bisweilen rosa überlaufen. Spalte zwischen Hypochil und Epichil sehr weit. Rostellum fehlend (Autogamie!).


Abb. 3
Laubblatt, Moggast, 12.07.2009
Foto: A. RIECHELMANN

Abb. 4
Einzelblüten, Moggast, 12.07.2009
Foto: A. RIECHELMANN

Verwechslungen:

mit Epipactis helleborine, diese Art hat jedoch meist breitere und gerade abstehende Blätter, intensiver gefärbte Blüten mit schmalerem Durchgang zwischen Epichil und Hypochil sowie eine funktionsfähige Klebdrüse


Abb. 6
Biotop (lichter Buchenwald), Moggast, 12.07.2009
Foto: A. RIECHELMANN

Lebensräume:

Bevorzugt Waldränder, lichte Laub- und Kiefernwälder und Gebüsche, ist aber auch in sonnigen, verbuschten Halbtrockenrasen zu finden; auf trockenen bis mäßig feuchten, kalkreichen Böden.


Abb. 5
Habitus, Birkenreuth, 11.07.2009
Foto: A. RIECHELMANN

Verbreitungskarte im PDF- Format

Verbreitung:

England, Mitteleuropa, von den Ardennen über die Slowakei bis nach Istrien, Italien bis Mittelitalien

Verbreitung in Bayern:

Fränkische Alb, Fränkische Schweiz, Main-Spessart-Gebiet, Bayerische Rhön


Abb. 7
Ausschnitt Blütenstand, Moggast, 12.07.2009
Foto: A. RIECHELMANN

Abb. 8
Einzelblüten, Birkenreuth, 11.07.2009
Foto: A. RIECHELMANN

Gefährdung:

Die häufigsten Lebensräume der Müllers Ständelwurz, wie sommerwarme Gebüsch- und Heckensäume oder lichte Waldränder, unterliegen häufiger Nutzungsänderungen als die Wälder selbst. Deshalb stellt der Wegebau entlang von Waldrändern oder das Umgestalten derselben durch Baumanpflanzungen eine Gefahr für die Art dar. Allgemein sollte den Waldrand- und Saumbiotopen mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden, da ihre Erhaltung nicht nur dem Schutz von Epipactis muelleri, sondern auch vielen anderen seltenen Arten dient.


Abb. 9
Austreibende Pflanzen, Moggast, 10.05.2011
Foto: A. RIECHELMANN

Abb. 10
Einzelblüten, Moggast, 12.07.2009
Foto: A. RIECHELMANN

Abb. 11
Einzelblüte, Moggast, 12.07.2009
Foto: A. RIECHELMANN

Abb. 12
Einzelblüte, Moggast, 12.07.2009
Foto: A. RIECHELMANN

Abb. 13
Einzelblüte, Moggast, 12.07.2009
Foto: A. RIECHELMANN

Adolf Riechelmann

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