Übersehene Ständelwurz
Epipactis neglecta
(KÜMPEL) KÜMPEL (1996)


Unterfamilie: Epidendrioideae
Tribus: Neottieae
Subtribus: -

Veröffentlicht in:
Die wildwachsenden Orchideen der Rhön S. 67, 1996

Basionym:
Epipactis leptochila subsp. neglecta KÜMPEL, Mitt, Arbeitskr. Heim. Orchid. DDR 15: 58. 1987

Typus:
Deutschland, West-Thüringen, "Kahler Berg" bei Herpf

Synonyme:
Epipactis leptochila var. neglecta (KÜMPEL) GÉVAUDAN (1999)
Epipactis viridiflava U. LÖW (1968)


Etymologie:
neglecta = lat. "unbeachtet/ vernachlässigt"; bezieht sich auf die lang übersehene Epipactis-Sippe.


16.07.2009,
Reipertsgesee (Fränkische Schweiz)
Foto: F. FRAASS

Die Übersehene Ständelwurz ist eine kritische Art. Sie wurde erst 1982 von KÜMPEL aus der thüringischen Rhön als Unterart von  Epipactis leptochila beschrieben und 1996 schließlich in den Artrang erhoben, nachdem weitere Fundmeldungen aus weiten Teilen Mitteleuropas bekannt wurden. Nach wie vor ist ihre taxonomische Einstufung (Art – Unterart – Varietät) aber umstritten, da sie ihrer Schwesternart Epipactis leptochila stark ähnelt und oft schwer von ihr zu unterscheiden ist.


22.07.2009, Kleinhül (Nördl. Frankenalb)
Foto: S. LANG
Beschreibung

Die habituellen Merkmale entsprechen weitestgehend denen von Epipactis leptochila. Die Blüten sind oft weiter geöffnet und mehr rötlich überfärbt. Hauptunterschied ist aber der Lippenbau: der Durchgang zwischen Hinter- und Vorderlippe ist eng, schmal spaltförmig oder schlüssellochartig ausgeprägt. Die Vorderlippe ist mehr oder weniger nach hinten umgeschlagen und meist verdreht.
Epipactis neglecta ist fakultativ autogam, d.h. die Klebdrüse ist oft vorhanden, aber nur kurze Zeit wirksam. Fremdbestäubung ist somit möglich, aber aufgrund der kurzen Blühdauer eher unwahrscheinlich.
Die Blütezeit liegt von Mitte bis Ende Juli (etwas früher als bei Epipactis leptochila).

Verwechslung:
Unterscheidung zur Breitblättrigen Ständelwurz (Epipactis helleborine) und zu Müllers Ständelwurz (Epipactis muelleri) vgl.  Artenporträt Epipactis leptochila.

Die Unterscheidung von Epipactis leptochila kann wie bereits erwähnt sehr problematisch werden, da häufig Zwischenformen beider Arten zu beobachten sind.

Kritisch bei der Bestimmung ist vor allem der Bau des Lippendurchgangs, dessen Ausprägung sehr variabel ausfallen kann. Der in der Literatur oftmals angeführte Unterschied des flacheren Hypochils bei E. neglecta ist zumindest in Bayern nur selten nachvollziehbar und taugt nicht zur sicheren Unterscheidung.

Die allgemeine Problematik liegt in der enormen Variationsbreite von Epipactis neglecta, die von von leptochila-ähnlich bis helleborine-ähnlich reichen kann, wie die Abbildungen am Seitenende zeigen.




Zwischenform (?) Epipactis leptochila/ neglecta
Kleinhül (Nördl. Frankenalb) 27.07.2009
Foto: S. LANG



Zwischenform (?) Epipactis leptochila/ neglecta
Kleinhül (Nördl. Frankenalb) 28.07.2002
Foto: S. LANG

Blütenstandsausschnitt, 16.07.2009,
Reipertsgesee (Fränkische Schweiz)
Foto: F. FRAASS

Lebensraum
Die Art ist hinsichtlich ihrer Biotopansprüche toleranter als Epipactis leptochila. Sie besiedelt kalkhaltige und krautarme Buchen- und Laubmischwälder, oft in lichteren Waldbereichen und mitunter an wärmebegünstigten südexponierten Hanglagen.


Biotop - lichter, krautarmer Buchenwald in leicht südexponierter Hanglage, 26.07.2009; Kleinhül
Foto: U. GRABNER

16.07.2009,
Reipertsgesee (Fränkische Schweiz)
Foto: F. FRAASS

Verbreitung

Bisher ist die Art aus Mittel- und Süddeutschland, England, Belgien, Frankreich, Schweiz, Österreich, Ungarn  Tschechien, Slowakei, Kroatien, Slowenien, Italien und ostwärts sogar bis Georgien bekannt. Weitere Neufunde innerhalb Europas sind zu erwarten.

© AHO-Bayern e.V.
Verbreitungskarte im PDF- Format

Verbreitung in Bayern

Epipactis neglecta wurde bislang fast nur aus der Frankenalb und aus den Muschelkalkgebieten  Unterfrankens nachgewiesen. Nordwestlich des Ammersees existiert eine Population, die höchstwahrscheinlich ebenfalls Epipactis neglecta darstellt, aber eher kleinwüchsig ist und nicht in größeren Gruppen wächst. (ist in der Verbreitungskarte noch nicht berücksichtigt)

Aufgrund der Unsicherheiten bei der Bestimmung ist die Verbreitung in Bayern bisher noch unzureichend geklärt. Es ist daher auch hier mit weiteren Funden zu rechnen.



Gefährdung
Die Art ist relativ selten. Aufgrund ihrer breiteren ökologischen Anpassung scheint sie aber
insgesamt etwas häufiger zu sein als Epipactis leptochila.


Einzelblüte
Schönfeld (Nördl. Frankenalb) 29.07.2004
Foto: S. LANG


Einzelblüte
Kleinhül (Nördl. Frankenalb) 28.07.2002
Foto: S. LANG


Kleinhül (Nördl. Frankenalb) 26.07.2009
Foto: U. GRABNER

Population nordwestlich des Ammersees


Unterwuchsarmer Buchenwald als Biotop. Weitere Arten: Ep. microphylla und im weiteren Umkreis Ep. purpurata.
Eresing, 08.07.2007
Foto: U. GRABNER


Habitus
Eresing, 08.07.2007
Foto: U. GRABNER

Eresing, 08.07.2007
Foto: U. GRABNER

Blütenstand
Eresing, 08.07.2007
Foto: U. GRABNER

Einzelblüte
Eresing, 08.07.2007
Foto: U. GRABNER

Variabilität des Blütenmerkmale im süddeutschen Raum


Einzelblüte von Epipactis neglecta mit Merkmalsnähe zu Epipactis leptochila.
Schönfeld (Nördl. Frankenalb) 29.07.2004
Foto: S. LANG

Einzelblüte von Epipactis neglecta mit Merkmalsnähe zu Epipactis helleborine.
Ehningen (Baden-Württemberg) 10.07.2010
Foto: U. GRABNER

Blütenstandsauschnitt
Ehningen (Baden-Württemberg) 10.07.2010
Foto: U. GRABNER

Blüte mit trapezförmiger Narbenfläche und glasigem Viscidium
Eresing, 08.07.2007
Foto: U. GRABNER

Kleinhül (Nördl. Frankenalb) 26.07.2009
Merkmalsnähe zu Ep. leptochila
Foto: U. GRABNER
Stephan Lang

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