Sumpf-Weichwurz
Hammarbya paludosa
(L.) KUNTZE (1891)


Unterfamilie: Epidendroideae
Tribus: Malaxideae
Subtribus: -

Veröffentlicht in:
Veröffentlicht in: Rev. Gen. pl. 2: 665. 1891

Basionym:
Ophrys paludosa L., Sp. pl. 2:947, 1753

Synonym:
Malaxis paludosa (L.) SWARTZ 1800

Lectotypus:
LINN 1056. 16, planta media. Herkunft: Schweden: bei Liumkilen; 1753 (BAUMANN, KÜNKELE & LORENZ 1989: 486-487, 604-605).

Etymologie:
Hammarbya = nach dem Landsitz Carl v. LINNÉs Hammarby bei Uppsala/Schweden

paludosa = lateinisch, nach dem Vorkommen in Sümpfen

Abb. 1
Kreuth, 08.08.2002
Habitus
Foto: H. Hoffmann
Beschreibung

Die unscheinbare kleine Orchidee ist eine Bewohnerin extrem nährstoffarmer Hoch- und Zwischenmoore sowie der Verlandungszonen von kleineren Seen. Man findet sie an vollsonnigen Stellen am Rand von Schlenken zwischen dem Torfmoos, wo sie  mit ihrer grünen bis gelbgrünen Farbe kaum auffällt. Moosbeere und Rosmarinheide sind weitere Begleiter, an etwas nährstoffreicheren Wuchsorten auch Seggen.
Das Rhizom ist bei dieser Pflanze vertikal, denn es muss jedes Jahr 1-2 cm zusammen mit dem Torfmoos nach oben wachsen. Die Pflanze hat einen kantigen Stängel und ist 5-20 cm  hoch mit bis zu 35 Blüten. Der Fruchtknoten dreht sich beim Aufblühen um 360°, sodass die Lippe nach oben zeigt, dadurch wird Selbstbestäubung verhindert. Die Lippe ist kleiner, vor allem kürzer als die Sepalen, deren mittleres eine Länge von 4 mm erreichen kann. Die Petalen sind bis zu 2 mm lang, schmal und nach hinten über den Fruchtknoten geschlagen, ein Sporn fehlt.
Der Stängel entspringt einer Scheinknolle, die von zwei bis drei ovalen, löffelförmig nach oben gebogenen Blättern  umgeben ist. Unter der Scheinknolle im Torfmoos befindet sich meist noch die vorjährige Knolle. Oft sitzen an der Spitze der Blätter winzige Brutknospen, die sich bei günstigen Verhältnissen nach dem Abfallen zu neuen Pflanzen entwickeln können. Bestäubt wird Hammarbya von Fliegen, Mücken und kleinen Bienen.

Da Hochmoore keinen Grundwasserzugang haben, sondern ihre Feuchtigkeit nur vom Regen beziehen, ist es in trockenen Jahren besonders schwierig für die Pflanzen, sie blühen meist nicht und können sich auch nicht vermehren.

Blütezeit: A 7 - E 8


Abb. 2
Weilheim, 29.07.2001
Blütenstand
Foto: H. Hoffmann


Abb. 3
Uffing, 02.08.2008
Blütenstand
Foto: H. Hoffmann

Verwechslung und Variabilität

An sich ist die Art kaum variabel. Lediglich in der Wuchshöhe können von Jahr zu Jahr Schwankungen auftreten.

Malaxis monophyllos ist farblich recht ähnlich, besiedelt aber trockenere Lebensräume, besitzt meist nur ein größeres Blatt und einen vielblütigeren, dichteren Blütenstand.
Die Blüten selbst sind in ihrer Struktur bei beiden Arten sehr ähnlich, so dass es in letzter Zeit Überlegungen gibt, die Gattung Hammarbya zu Malaxis zu stellen.

Herminium monorchis besitzt größere, gelblichere Blüten mit lang ausgezogenen „Zipfeln“, größere Blätter und besiedelt kalkhaltigere Feuchtwiesen oder wechselfeuchte Areale.

Lebensraum

Basenarme bis mäßig saure oder saure Zwischenmoore mit Tendenz zur Hochmoorbildung.
Im Torfmoos auf Schwingrasen (in der Nähe verlandeter Moorseen), Schlenken und Bultenrändern.
Begleitende Pflanzen können sein: Moosbeere (Vaccinium oxycoccos), Weißes Schnabelried (Rhynchospora alba), Fieberklee (Menyanthes trifoliata), Rundblättriger, Mittlerer und Langblättriger Sonnentau (Drosera spec.).


Abb. 4
Kreuth, 06.08.2008
Biotop in 1030 m Höhe
Foto: I. Hoffmann

Abb. 5
Uffing, 02.08.2008
H. paludosa mit Mittlerem Sonnentau (Drosera intermedia)
Foto: H. Hoffmann
Verbreitung:

Die Weichwurz ist ein (zirkumboreales) eurosibirisch-
nordamerikanisches Florenelement und gelangt ostwärts, wenn auch sehr zerstreut, bis Japan.
In Europa erreicht sie südwärts die italienischen Alpen und vereinzelt die Karpaten.
In Bayern liegt der Schwerpunkt vor allem im Voralpenland.

Die Höhenverbreitung erstreckt sich in Deutschland von Meereshöhe bis 1160m.

Verbreitungskarte im PDF- Format

Gefährdung

Rote Liste 2 - stark gefährdet.

Die Gefährdung der Sumpf-Weichwurz durch Trittschäden ist sehr groß.
Weiterhin trägt der zunehmende Nährstoffeintrag durch die Luft dazu bei, dass Sträucher überhandnehmen, sie entziehen dem Boden die notwendige Feuchtigkeit.
Die Entwässerung ist das endgültige Aus für diese empfindliche Orchidee. Industrieller Torfabbau  dürfte zumindest in Deutschland der Vergangenheit angehören, denn heute ist man sich immer mehr des Nutzens der Moore für den Klimaschutz bewusst und fördert deren Erhaltung.
Die verbliebenen Lebensräume verdienen höchsten Schutzstatus.


Abb. 6
Kreuth, 04.08.2010
Blätter einer blühenden Pflanze und sterile Jungpflanze
Foto: I. Hoffmann

Abb. 7
Kreuth, 08.08.2002
Scheinknolle mit Brutknospen an den Blättern - Möglichkeit der vegetativen Fortpflanzung, manchmal mit Büschelbildung als Folge.
Foto: H. Hoffmann

Abb. 8
Bad Tölz , 22.08.2008
Pflanze mit Samenansatz
Foto: H. Hoffmann

Abb. 9
Weilheim, 29.07.2001
Biotop
Foto: H. Hoffmann

Abb. 10
Tutzing, 01.08.2004
Kleine Mücke (Gnitze) als Blütenbesucher
Foto: U. Grabner


Abb. 11
Kreuth, 28.07.2007
mit Pilz der Gattung Trichoglossum
Foto: H. Hoffmann


Abb. 12
Tutzing, 01.08.2004
Bei höherer Begleitvegetation übersieht man die zierlichen, komplett grünen Pflanzen sehr schnell
Foto: U. Grabner

Abb. 13
Kreuth, 06.08.2008
Blütenstand mit kleiner Mücke (Gnitze) als Besucher
Foto: H. Hoffmann

Abb. 14
Allgäu, Oy-Mittelberg, 01.08.2011
mit dem mittleren Sonnentau (Drosera intermedia)
Foto: D. Gschwend

Abb. 15
Allgäu, Oy-Mittelberg, 01.08.2011
Foto: D. Gschwend

Abb. 16
Allgäu, Oy-Mittelberg, 01.08.2011
Foto: D. Gschwend

Abb. 17
Tutzing, 01.08.2004
Foto: U. Grabner

Abb. 18
Kreuth, 08.08.2002
Blütenstand
Foto: H. Hoffmann

Abb. 19
Tutzing, 01.08.2004
Einzelblüte - die Lippe steht bei Hammarbya nach oben
Foto: U. Grabner

Ingrid Hoffmann


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