Rotes Kohlröschen
Nigritella rubra
(WETTSTEIN) K. RICHTER (1990)


Unterfamilie: Orchidoideae
Tribus: Orchideae
Subtribus: Orchidinae

Veröffentlicht in:
Pl. eur. 1: 278.1890

Basionym:
Gymnadenia rubra WETTST., Deutsche Bot. Ges. 7: 312. 1889

Synonym:
Nigritella miniata (CRANTZ) JANCHEN (1960, publ. 1959)

Lectotypus:
J
acq., Fl. austriac. (Band 4): Tafel 368. 1776 (BAUMANN, KÜNKELE & LORENZ 2002: 176). Herkunft: Osterreich, vermutlich Schneeberg (WETTSTEIN 1889: 314)

Etymologie:
rubra (lat.): bedeutet in der Übersetzung rot und bringt die Blütenfarbe zum Ausdruck


Geigelstein, Ende Juni, 1960
Foto: H. Eisenbeiss
Blütezeit: M 6 – E 7

Rote Kohlröserl sind im bayerischen Alpenraum ziemlich selten. Die Kenntnisse über sichere Vorkommen waren bis ca. 1970 überhaupt sehr lückenhaft. Meist findet man einzelne Exemplare oder kleinere Gruppen auf rasigen Flächen in gipfelnahen Bereichen. Es gibt allerdings auch einige wenige Standorte auf Almwiesen mit stattlichen Beständen dieser wunderschönen Orchidee.


Kranzberg,
15.06.2008

Foto: W. Dworschak


Tanneralm,
17.06.2009

Foto: W. Dworschak


Wildes Fräulein, Spitzingsee-Gebiet,
21.06.2008
Foto: W. Dworschak

Beschreibung:

Die Pflanzenhöhe beträgt 10-20 (25) cm. Der kräftige Stängel ist hellgrün und leicht kantig. Die Blätter sind schmal, rinnig grasartig und am Grunde gehäuft. Die stängelbegleitenden Blätter werden nach oben hin kürzer und gehen in die braunrot beränderten und meist partiell mit einem kurzen Stiftchensaum besetzten Tragblätter über.  

Der Blütenstand ist in der Höhe sehr variabel und reicht von ca. 15 mm bei kleinen Pflanzen bis zu 35 mm bei großen. Im Aufblühen ist er spitz kegelig, bei voller Blüte halbkugelig bzw. langgestreckt eiförmig bis zylindrisch bei großen Exemplaren. Er ist dicht mit Blüten besetzt, die einen starken vanilleartigen Duft ausströmen. Die Blütenzahl kann bis über 40 betragen. Die Tragblätter ragen vor allem im oberen Teil als dunkle Spitzen heraus.

Die Blüten selbst sind wie bei allen Nigritellen nicht resupiniert, d. h. die Lippe zeigt nach oben. Die Lippe ist bis 8 mm lang und zeigt im unteren Bereich eine starke sattelförmige Einschnürung, so dass sich die gegenüberliegenden Lippenränder (fast) berühren oder nur einen schmalen Spalt offenlassen. Im oberen Teil ist die Lippe in Längsrichtung tütenförmig eingerollt und wirkt dadurch oft recht schmal und langgestreckt. Die Petalen sind gleich breit oder nur wenig schmäler als die Sepalen, erscheinen aber durch ihre Form optisch oft deutlich schmäler.

Die Blütenfarbe ist ebenfalls recht unterschiedlich und reicht von kräftigem Rot bis zu einem blaustichigen dunklen Rosarot. Häufig beobachtet man eine Aufhellung (bis hellrosa) des unteren Teils des Blütenstands. Dies ist vor allem bei größeren Blütenständen ausgeprägt und scheint mit dem Verlauf der Blühphase (Anthese) zuzunehmen.

N. rubra blüht am gleichen Standort ein bis zwei Wochen vor N. rhellicani.


Karwendelkamm bei Mittenwald - 14.07.2010, Höhe 2300 m:
Exemplar mit ausgeprägter Zweifarbigkeit des Blütenstands, N. bicolor?
Foto: H.C. Alt

Tanner Alm – 26.06.2010
Detail des Blütenstands, erkennbarer Stiftchensaum am untersten Blatt

Foto: H.C. Alt

Tanner Alm – 26.06.2010
Typische Einschnürung im unteren Teil der Lippe mit gegenseitiger Berührung der Lippenränder

Foto: H.C. Alt

Problematik

Alle roten Kohlröschen-Arten sind apomiktisch, d. h. sie pflanzen sich asexuell fort. Dies bedeutet, dass die Tochterpflanzen vollkommene Klone der Mutterpflanzen sind. Isolierte Populationen zeigen dementsprechend oft ein sehr einheitliches Erscheinungsbild. Im Vergleich verschiedener Populationen des Verbreitungsgebiets ergibt sich jedoch eine erstaunliche morphologische Variationsbreite. Mikrobiologische Untersuchungen haben ergeben, dass eine eindeutige Differenzierung auf genetischer Grundlage nicht möglich ist. Einige Autoren neigen deshalb dazu, alle rote Nigritellen zu einer Art zusammenzufassen und die Abweichungen als lokale Varianten zu betrachten. Dem steht entgegen, dass bestimmte Sippen auch örtlich weit voneinander entfernter Standorte die gleichen Merkmale aufweisen und morphologisch eindeutig abzugrenzen sind.

Als erste der im bayerischen Alpenraum vorkommenden Sippen wurden die kleinen, hellrosa blühenden N. widderi als eigene Art abgetrennt. Eine weitere rote Kohlröschen-Art, N. dolomitensis, wurde zunächst für die Dolomiten beschrieben und später von Werner DWORSCHAK (2002) für den bayerischen Alpenraum nachgewiesen. Deren Merkmale sind die weiter geöffnete Lippen mit geringerer Einschnürung und generell kleinere Pflanzen.

In einer neueren Arbeit (FOELSCHE, 2010) wird die Art Nigritella rubra im eigentlichen Sinne eingeschränkt auf Pflanzen, die der ursprünglichen Beschreibung von WETTSTEIN entsprechen. Die meisten anderen Pflanzen/Populationen werden einer neu beschriebenen Art, Nigritella bicolor, zugeordnet.  Darunter würde auch die Mehrzahl der bayerischen Vorkommen fallen. Die morphologischen Merkmale sind eben die ausgeprägte Zweifarbigkeit (hellrosa/dunkelrosa) mit der beschriebenen Aufhellung des unteren Teils des Blütenstands, die allerdings schon zu Beginn der Anthese vorhanden sein muss, weiterhin ausgebreitete Sepalen, die zudem deutlich breiter sind als die Petalen, eine breitere Lippe (im Vergleich zu N. rubra) und eine relativ späte Blütezeit. Feldbeobachtungen im Sommer 2010 an einigen bayerischen Standorten konnten allerdings die Kombination dieser Merkmale nicht durchgängig bestätigen, so dass weitere Untersuchungen notwendig sind.

Es soll nicht verschwiegen werden, dass es auch einige isolierte Vorkommen von kleinen Populationen roter Kohlröschen im bayerischen Alpenraum gibt, deren Zuordnung zu keiner der beschriebenen Arten bisher eindeutig möglich ist.


Chiemgauer Alpen bei Aschau – 05.07.2010
Biotop: Südosthang in ca. 1500 m Höhe mit reichem Bestand an N. rubra
Foto: H.C. Alt

Tanner Alm – 26.06.2010
Orchideen-Begleitflora: Kugel-Knabenkraut, Weißzüngel (sowie Brand-Knabenkraut, Hohlzunge, Mücken-Händelwurz und Prächtiges Knabenkraut in der näheren Umgebung)

Foto: H.C. Alt

Tanneralm,
17.06.2009

Foto: W. Dworschak

Lebensraum

Die Pflanze kommt in Gipfelregionen auf alpinen Urrasen vor, aber auch im Bereich von extensiv bewirtschafteten Almen. Sie bevorzugt warme, sonnige Lagen; im Gegensatz zu N. rhellicani gedeiht sie nur über Kalk/Dolomit. In niederen, humoseren Lagen steht sie oft im dichten Gras. Hier ist für den Erhalt der Art eine extensive Beweidung oder späte Mahd notwendig. Begleitende Orchideenarten können die anderen Kohlröschen sein, Hohlzunge, Alpen-Händelwurz, Fuchs‘, Brand- und Kugel-Knabenkraut.


Chiemgauer Alpen bei Aschau – 05.07.2010
Stattlicher Blütenstand mit langgezogenen Lippen
Foto: H.C. Alt

Verbreitung

Nach der aktuellen Verbreitungsübersicht der Orchideen in Bayern konzentrieren sich die Vorkommen auf die Bayerischen Voralpen und die Chiemgauer Alpen. Die Hauptverbreitung des Roten Kohlröschens liegt in den österreichischen Kalkalpen. Weitere Vorkommen finden sich in den Dolomiten, in der Ostschweiz, in den Dinarischen Alpen und den Karpaten.
Die Höhenverbreitung erstreckt sich in den bayerischen Alpen von 1300 bis 2300 m.

Gefährdung

Intensive Beweidung durch schweres Vieh, Trittschäden durch Bergwanderer, Almwegebau, Anlage von Skipisten.


Kranzberg,
15.06.2008

Foto: W. Dworschak

Wildes Fräulein, Spitzingsee-Gebiet,
21.06.2008

Foto: W. Dworschak
© AHO-Bayern e.V.
Verbreitungskarte im PDF- Format

Tanner Alm – 26.06.2010
Biotop: Almwiese in 1300 m Höhe, zur Blütezeit noch nicht beweidet
Foto: H.C. Alt

Tanneralm,
17.06.2009

Foto: W. Dworschak

Tanneralm,
17.06.2009

Foto: W. Dworschak

Kranzberg,
15.06.2008

Foto: W. Dworschak
Hans Christian Alt

Literatur

AHO Bayern e. V. (Hg.) (2006):
Verbreitungsübersicht der Orchideen in Bayern
Ber. Arbeitskrs. Heim. Orchid., Beih. 7

BRÜTSCH J. P. J. (2000):
Die Gattung Nigritella
Bauhinia 14, 21-32

DWORSCHAK W. (2002):
Nigritella dolomitensis, neu für Bayern
Ber. Arbeitskrs. Heim. Orchid., 19 (1), 93-96

FOELSCHE W. (2010):
Nigritella bicolor, ein neues apomiktisches Kohlröschen der Alpen, des Dinarischen Gebirges und der Karpaten
J. Eur. Orch., 42 (1), 31-82

GRIEBL N. (2009):
Die Gattung Nigritella in Österreich
Ber. Arbeitskrs. Heim. Orchid. 26 (1), 76-105

KRETZSCHMAR H. (2008):
Die Orchideen Deutschlands und angrenzender Länder
Quelle&Meyer, Wiebelsheim

PRESSER H. (2002):
Die Orchideen Mitteleuropas und der Alpen
ecomed, Landsberg

WUCHERPFENNIG W. (1999):
Die Gattung Nigritella
www.aho-bayern.de/nigritella.pdf


Tanneralm, 26.06.2010
Großer Blütenstand (35 mm Höhe), Aufhellung im unteren Teil
Foto: H.C. Alt
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© 2010 AHO Bayern e. V.