Wanzen-Knabenkraut
Orchis coriophora
L. ssp. coriophora

Anacamptis coriophrora (L.) R.M.BATEMAN, PRIDGEON & M.W.CHASE
ssp. coriophora


Unterfamilie: Orchidoideae
Tribus: Orchideae
Subtribus: Orchidinae
Blütezeit: (E5) A6 - A7 (in höheren Regionen)
Syn.:
Anteriorchis coriophora (L.) KLEIN & STRACK

Beschreibung:

10 bis 25 (30) cm hoch, die überwiegend rosettig angeordneten Laubblätter sind relativ schmal und rinnig, spitz, oft etwas bläulich grün.
Sie erscheinen im Herbst.
Die 15 - 40 unverwechselbaren Blüten sind klein, schmutzig rot bis grünlich, die weiße Basis der dreilappigen Lippe ist rot gefleckt und mit Papillen besetzt. Der Helm ist geschlossen, verklebt und zugespitzt. Der Sporn ist ebenfalls schmutzig rot, weist nach unten und ist leicht gegen die Lippe gebogen. Die Blüten riechen unangenehm nach Blattwanzen.
Variation: Extrem selten kommen Albinos mit grün-weißen Blüten ohne Rot-Anteil vor.

Roth - Blütenstand -
Foto: H. Presser

Verwechslung:
Das Wohlriechende Wanzen-Knabenkraut Orchis coriophora ssp. fragrans mit weißem Sporn und süß duftenden, farbigeren Blüten sowie andere Unterarten kommen nur südlich des Alpen-Hauptkammes vor.

Biotop bei Rain
Foto: H. Presser
Lebensraum des Wanzen-Knaben-krautes bei Roth -
Foto: H. Presser
Rain - typische Blütenstände -
Foto: H. Presser
Lebensraum

Sommerwarm, vollsonnig, meist eben und buschreich, zumindest schwach kalkhaltig, besonders stickstoffarm, nicht sehr nass und nicht zu trocken.

(1) Wechselfeuchte bis trocknere kiesige oder sandige Brennen in Flussauen, hier in lockerrasigen, gepflegten Bereichen. Gelegentliche Überschwemmungen mit Sediment-Eintrag scheinen förderlich zu sein.
(2) Sehr magere, wechselfeuchte, anmoorige Wiesen, die gut gepflegt bzw. beweidet werden, hier meistens in trockneren, kurzrasigen Bereichen, gelegentlich zwischen Pfeifengras.
(3) Sekundärbiotop Autobahn-Böschung (Ausnahme!) auf sandiger, leicht Feuchtigkeit ziehender Abgrabung (nicht Aufschüttung!). Hier in sehr lückiger Vegetation, Westhang.
Neuburg - Habitus -
Foto: H. Presser
Hurlach - Einzelblüten mit kräftig roter Färbung
Foto: H. Presser
Roth - die Variationsbreite der Blütenfärbung reicht beim Wanzen-Knabenkraut von "schmutzig"-grün bis kräftig dunkelrot
Foto: H. Presser
Roth - seltene Form mit weiß- grünlichen Blüten und Tragblättern. Die rötlichen Anteile beschränken sich lediglich auf die Lippenzeichnung.
Foto: H. Presser

Besonderheiten: Der Sporn führt im Gegensatz zu anderen Orchis-Arten zeitweise Nektar (bei schwacher Sonneneinstrahlung und guter Wasserversorgung), die Blüten zeigen vielleicht hierdurch einen hohen Fruchtansatz von mehr als 50%. Nach KLEIN & STRACK werden gewisse Insekten durch die Duftstoffe sexuell erregt, was sich beispielsweise bei Wanzen und Käfern an der Donau beobachten lässt. Bestäubt wird die Art in Bayern außerdem durch verschiedene Bienen- und Hummel-Arten, die sich aber eher durch den dargebotenen Nektar angezogen fühlen.

Rain - mit Honigbiene als Bestäuber
Foto: H. Presser
Roth - mit Hummel als Bestäuber
Foto: H. Presser
Neuburg - mit Gartenlaubkäfern als Bestäuber
Foto: H. Presser
Neuburg - eine Feuerwanze als Bestäuber
Foto: H. Presser
Abensberg - eine Sandbiene als Bestäuber-
Foto: H. Presser
Verbreitung
In Deutschland nur noch in Bayern und Baden-Württemberg. Im übrigen Mittel-, West- und Osteuropa sehr selten, nur in den Gebirgen Südosteuropas und der Türkei etwas häufiger. Meldungen von Nordafrika und der Iberischen Halbinsel könnten auch  der ssp. martrinii angehören. Dies trifft zumindest teilweise für die Iberische Halbinsel zu.
Gefährdung
Wie kaum eine andere Art ist Orchis coriophora in ganz Mitteleuropa extrem stark zurückgegangen, selbst gesicherte Vorkommen konnten trotz Pflege nicht erhalten werden. Dies weist darauf hin, dass nicht die Landwirtschaft allein für den Rückgang verantwortlich gemacht werden kann. In Deutschland sind außer einer kleinen Population am Bodensee nur noch in Bayern wenige (ca. 35) Restbestände übrig geblieben.
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Verbreitungskarte im PDF- Format
Zwei Seltenheiten finden sich - ein Moorsackträger (Megalophanes viciella) am Wanzen-Knabenkraut bei Murnau
Foto: Fam. Hoffmann
Helmut Presser
Nach neuen Ergebnissen der Forscher BATEMAN, PRIDGEON & CHASE (1997) stellte sich im Rahmen genetischer Untersuchungen heraus, dass die Gattung Orchis verwandschaftlich in drei gut belegbare Gattungen "zerfällt".
Diese Ergebnisse werden unter anderem auch durch das Hybridisierungsverhalten der drei neu gegliederten Gattungen unterstützt.
So wurde die alte Gattung "Orchis" neu aufgeteilt, nämlich in Orchis (wozu auch die Gattung Aceras gehört), Anacamptis (pyramidalis, morio und palustris), sowie Neotinea, welche die Arten ustulata und tridentata in Bayern betreffen.
Aus praktischen Naturschutzgründen und um Verwirrung unter den Mitgliedern des AHO-Bayern zu vermeiden, verbleiben wir jedoch vorerst bei der alten, klassischen Nomenklatur.

Einen detaillierten Einblick in die Ergebnisse und Konsequenzen der genetischen Untersuchungen erhalten Sie im "Orchis-Buch" von H. KRETZSCHMAR, W. ECCARIUS & H. DIETRICH
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