Sumpfknabenkraut, Sumpf-Orchis
Orchis palustris
JACQUIN (1787)
Anacamptis palustris (JAC.) R.M.BATEMAN, PRIDGEON & M.W.CHASE (1997)


Unterfamilie: Orchidoideae
Tribus: Orchideae
Subtribus: Orchidinae

Veröffentlicht in:
Icon. pl. rar. 1 (6): Tab. 181. 1787

Lectotypus:
JACQUIN, Icon. pl.rar. 1 (6): Tafel 181. 1787. Herkunft: Österreich, Umgebung von Wien, "imprimis circa Himberg", ca. 1786, leg. JACQUIN(BAUMANN, KÜNKELE & LORENZ 2002: 190)


Synonym:
Orchis laxiflora ssp. palustris (JACQUIN) BONNIER & LAYENS (1894)

Etymologie:
palustris [lat] bedeutet übersetzt "im Sumpf lebend", bezugnehmend auf den Wuchsort


Chiemgau, 23. 06.2006
typisch lockerer Blütenstand mit prächtigen Blüten
Foto: F. Rotter
Beschreibung

Wer zum ersten Mal ein Sumpfknabenkraut zu Gesicht bekommt, ist nicht nur wegen seiner Seltenheit, sondern auch von seinem Habitus beeindruckt. Durch seine relative Größe (20-50cm), den schlanken Wuchs, den lockeren Blütenstand und die großen Blüten mit der breiten Lippe fällt es gegenüber den anderen Knabenkräutern im Niedermoor oder auf Feuchtwiesen deutlich auf. Die schmalen, rinnig gefalteten, aufrecht stehenden Blätter bilden keine Rosette, sondern verteilen sich am grünen, oben violett angelaufenen Stängel. Die etwa gleich langen Tragblätter stützen den seitlich abstehenden, gedrehten Fruchtknoten, der ein wenig länger ist als der waagrechte bis leicht nach oben weisende stumpfe Sporn. Die beiden seitlichen Sepalen (äußere Blütenblätter) sind, leicht zurückgeschlagen, fast senkrecht nach oben gerichtet, das mittlere bildet mit den Petalen (innere Blütenblätter) einen Helm über der Säule. Die Lippe ist rundlich und mehr oder weniger deutlich gelappt, der Mittellappen vorne nochmals in zwei auseinander strebende, abgerundete Enden geteilt, die an die Schwanzfedern eines Birkhahns erinnern. Das aufgehellte Zentrum der Lippe ist dunkelrot gepunktet bis gestrichelt. Die Blütenfarbe kann sich von fast dunkelviolett über lila und rot bis rosa, sehr selten bis ganz weiß erstrecken. Die Pollinien sind rotbraun bis violett.


Bad Feilnbach - Habitus -
Foto: U. Grabner

Chiemgau, Datum unbekannt
Blütenstand
Foto: H. Eisenbeiss

Verwechslung und Variabilität
Sehr ähnliche Arten wie Orchis laxiflora oder Orchis elegans sind in Bayern nicht heimisch. Orchis morio hat ebenfalls einen leicht geteilten Mittellappen, blüht bei uns aber früher, ist meist kleiner und hat vor allem gestreifte Sepalen und eine Blattrosette. Manche Exemplare der Dactylorhiza traunsteineri haben ebenfalls ungefleckte Blätter, relativ große Blüten in ähnlicher Farbe und eine schwache Zeichnung auf der Lippe, aber immer einen ungeteilten, zugespitzten Mittellappen.
Eine mögliche natürliche Hybridisation mit Orchis morio, Orchis laxiflora, Orchis elegans, ja sogar mit Zungenständelarten ist wegen des unterschiedlichen Blühzeitpunkts oder des Fehlens dieser Arten in Biotopnähe bzw. in Bayern kaum gegeben. Orchis palustris blüht ab etwa Anfang/Mitte Juni bis Ende Juni/Anfang Juli, etwas früher als noch vor einigen Jahren.


Chiemgau, 23. 06.2006
Oftmals macht das Sumpfknabenkraut seinem Namen alle Ehre und steht "nassen Fußes"
Foto: F. Rotter

Bad Feilnbach, 20.06.2009
im Biotop
Foto: U. Grabner

Lebensraum
Das Sumpfknabenkraut gedeiht in Bayern auf Niedermooren oder Feuchtwiesen bis unter 600m Höhe, in anderen Gegenden auch auf salzigen Wiesen und in Küstennähe, in südlichen Ländern auch in höheren Lagen.


Bad Feilnbach , 07. 06.2011
Selten, aber nicht ungewöhnlich innerhalb der Gattung: Albinos
Foto: F. Rotter


Bad Feilnbach, 20.06.2009
Biotop
Foto: U. Grabner
Verbreitung:
Europaweit erstreckt sich das Vorkommen sehr lückig von Spanien über Frankreich, die Westschweiz, Südwest- und Nordostdeutschland (Baden-Württemberg, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg) bis Gotland, in einer südlichen Linie über Korsika, Italien, Slowenien, Österreich, Südostbayern, Tschechien bis Ungarn. In Südosteuropa wird es im weiteren Verlauf von Orchis elegans abgelöst.

Verbreitung in Bayern/ Gefährdung:
Orchis palustris war früher verbreitet, hat heute aber bayernweit nur noch ganz wenige Standorte im Chiemgau und im westlichen Inntal. Bis 1975 gingen größere Bestände bei Rosenheim durch Flurbereinigungsmaßnahmen verloren.

In vielen Bundesländern und Regionen ist das Sumpfknabenkraut während der letzten Jahrzehnte durch Intensivierung der Landwirtschaft, Trockenlegung der Biotope, aber auch durch Brachlegung und Verbuschung verschwunden. Trotz der noch vorhandenen Bestände in Bayern ist die Art auch hier vom Aussterben bedroht (Rote Liste: 1).


Verbreitungskarte im PDF- Format

Schutz
Jährlich einmalige, späte Mahd, Verzicht auf weitere Entwässerung, Maßnahmen gegen zunehmende Verschilfung und der Schutz der Biotope (Ausweisung als Natur- oder Landschaftsschutzgebiete) haben für die Bestandserhaltung Erfolge gezeigt. Eine entsprechende Förderung von Schutzmaßnahmen ist auch in Zukunft unverzichtbar. Der Freistaat hat hier für die Aufrechterhaltung der Artenvielfalt große Verantwortung.


Chiemgau, 08. 06.2011
Foto: F. Rotter

Bad Feilnbach, 20.06.2009
Blütenstandsauschnitt
Foto: U. Grabner

Franz Rotter


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