Spätblühendes Brand-Knabenkraut
Orchis ustulata
L. ssp. aestivalis (KÜMPEL) KÜMPEL & MRKVICKA

Neotinea ustulata ssp. aestivalis (KÜMPEL) P. JACQUET & SCAPPATICCI


Unterfamilie: Orchidoideae
Tribus: Orchideae
Subtribus: Orchidinae
Blütezeit: A 7 - E 7 (A9)
Beschreibung

Die ssp. aestivalis ist durch die selben Merkmale wie die Nominatform gekennzeichnet, sie wird allerdings 20 bis 40 (60) cm hoch. Sie ist schlank, mit längeren, schräg aufwärts stehenden, m.o.w. rosettig angeordneten Laubblättern, die erst zu Ende des Winters erscheinen (ob überall?).
Der Blütenstand ist lockerer und länger mit bis zu über 100, etwas größeren Blüten. Vor dem völligen Aufblühen ist er meist nicht stumpf sondern spitz, die Blütenhelme öffnen sich oft geringfügig mehr als bei der Frühjahrsform. Die Blüten duften schwach nach Zitrone statt nach Honig.
Variationen sind nicht bekannt.

Blütezeit
Anfang bis Ende Juli (Anfang September), überschneidet sich eher selten mit der  Nominatform. Möglicherweise existiert noch eine dritte Sippe, die etwa zusammen mit Spiranthes spiralis bis Oktober, sogar in den selben Biotopen blüht.

Typisch für die Unterart ist der auffallend gestreckte Blütenstand - Donau, Mitte Juli 2006
Foto: H. Presser

Verwechslung:
Auch Orchis purpurea wirkt durch die dunklen Knospen wie angesengt, besitzt aber deutlich größere Blüten und Laubblätter.
Den Vergleich mit ssp. ustulata finden Sie hier!

Habitus - Donau, Mitte Juli 1999
Foto: H. Presser
Wolfratshausen, 13.07.2007 - Lichte Kiefernwälder, wie hier an der Isar, gehören zu den Lebensräumen des Spätblühenden Brandknabenkrautes. Die frühblühende Unterart kommt hier nicht vor -
Foto: U. Grabner

Lebensräume

Feuchte bis fast trockene, kalkhaltige Magerrasen, meist vollsonnig. Die Sippe ist in Bayern hauptsächlich aus orchideenreichen, kiesigen Brennen der Flussauen bekannt, wo man sie (oft zusammen mit der Nominatform) in lückigem Gras an sonnigen bis zeitweise beschatteten, meist ebenen Stellen finden kann. An der Donau (Raum Ingolstadt – Neuburg) existieren noch gut besetzte Biotope.
Sehr selten trifft man sie in gepflegten Kalk-Flachmooren auf leicht feuchtem Boden oder in steinigen Magerrasen an, wo sie gern süd- bis westexponiert steht. Auch ein Sekundär-Biotop, eine Wegböschung (Abgrabung), ist bekannt. In den Alpen wächst sie auf Bergwiesen und wird bis aus etwa 1400 mNN gemeldet.
Die allermeisten Standorte der Frühjahrsform meidet die Sommerform allerdings.

Brenne an der Donau - Mitte Juli 1999
Foto: H. Presser
Verbreitung

Hier ist wegen der späten Blütezeit, der Seltenheit und der oft fehlenden Anerkennung wenig bekannt. Außerhalb Deutschlands kommt sie zumindest noch in Frankreich, in der Slowakei, in Österreich und in Slowenien vor.

Brenne an der Isar bei Rosenau mit Anacamptis pyramidalis und Gymnadenia conopsea als Begleitorchideen - Mitte Juli 1982
Foto: H. Presser

Besonderheiten
Vielfach wird auf die spät blühende Sippe noch nicht geachtet, auch fallen die Pflanzen im höheren Gras (Sommer!) weniger auf. So sind allgemeine Aussagen bisher nur schwer zu treffen. In höheren Lagen scheint es aber örtlich gelegentlich zu  Blütezeit-Überschneidungen und eventuell zu Mischpopulationen zu kommen. Eine sichere Einordnung wäre dann kaum möglich.
An einigen Stellen an der Donau kommt die Sippe in den Brennen auch ohne die Frühjahrsform vor, verhält sich also wie eine typische Unterart. In manchen Bereichen kann man hier bei gemeinsamem Vorkommen allerdings auch im Juni einige wenige aufblühende Pflanzen finden, die dann wohl als Übergangsformen gewertet werden müssen.
Bestäubt wird die Sommerform des Brandknabenkrauts im Gegensatz zur Frühjahrsform, die von einer Raupenfliege bestäubt wird, hauptsächlich  durch einen Bockkäfer (Leptura livida) und verschiedene Hummel-Arten. An der Donau wurden allerdings auch schon Fliegen (Raupenfliegen?) beobachtet, die aufgeregt die Blüten absuchten. Der Fruchtansatz ist im Gegensatz zur Nominatform relativ hoch.
In der Literatur wird die Unterart gelegentlich als var. geführt oder sogar als „taxonomisch ohne Wert“ bezeichnet. Beides ist aufgrund der o.g. Fakten abzulehnen. Zumindest an Donau und Isar ist die Sippe zeitlich gut abgetrennt und besiedelt zudem eigene Biotope (geologische Trennung).

Donau, Mitte Juli 2006 - in der Regel ist der Fruchtansatz sehr hoch -
Foto: H. Presser
Dobau, Mitte Juli 1999- am Blütenstand sitzt ein Widderchen -
Foto: H. Presser
Wolfratshausen, 10.07.2009 - ein Widderchen (Zygaena spec.) als Bestäuber. Die Pollinien kleben noch am Rüssel -
Foto: U. Grabner
Wolfratshausen, 09.07.2009 - Blütenstandsauschnitt -
Foto: U. Grabner
Donau, 05.07.2009 - mit Raupenfliege als Bestäuber -
Foto: H. Presser
Donau, 05.07.2009 - mit Raupenfliege als Bestäuber -
Foto: H. Presser
Wolfratshausen, 10.07.2009 - Schwebfliege als interessierter Blütenbesucher -
Foto: U. Grabner

Gefährdung: Die ssp. aestivalis ist sicherlich überall wesentlich seltener als die Frühjahrsform, sie kann offenbar weniger Trockenheit ertragen und stellt so noch spezifischere Ansprüche an ihre Biotope. Hierdurch reagiert sie natürlich weitaus empfindlicher auf Biotopverlust oder Fressfeinde. Sie ist also wohl überall als stark gefährdet einzuordnen.

© AHO-Bayern e.V.
Verbreitungskarte im PDF- Format
Helmut Presser
Wolfratshausen, 13.07.2007
Foto: U. Grabner
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