Zweiblättrige Waldhyazinthe, Weiße Kuckucksblume
Platanthera bifolia
(L.) L.C.M. RICHARD (1817)


Orchidee des Jahres 2011

 

Unterfamilie: Orchidoideae
Tribus: Orchideae
Subtribus: Orchidinae
Blütezeit: E 5 – M 7, je nach Höhenlage
Blütenstände Mitte Juni bei Weilheim
Foto: H. Eisenbeiss

Veröffentlicht in:
De Orchid. Eur.: 35 (1817)

Basionym:
Orchis bifolia L., Sp. Pl. 2: 939 (1753)

Synonym:
Lysias bifolia (L.) Salisb. 1812
Habenaria bifolia (L.) R.Br. in W.T.Aiton 1813
Sieberia bifolia (L.) Spreng. 1817
Satyrium bifolium (L.) Wahlenb. 1826
Gymnadenia bifolia (L.) G.Mey. 1836
Platanthera solstitialis Boenn. ex Rchb. 1830, nom. inval. (pro syn.)

Lectotypus:
J. CAMERARIUS, De pl. Epitome: 625, fig. media, 1586.
Herkunft: Schweiz, Umgebung von Zürich, ca. 1565
leg. C. GESNER
Vorzeichnung: ZOLLER & STEINMANN, C. GESNERI Hist. pl. 7: 84 Abb. 8 1979 (BAUMANN, KÜNKELE & LORENZ 1989: 540, 650-651; Gesamtausgabe Bd. 2: 77, Blatt 382 verso. 1992).

Etymologie:
Plathanthera = aus dem Griechischen zusammengesetzt aus platys = groß, platt und anthera = Staubbeutel und bezieht sich auf die Form der Pollinarien
bifolia = zusammengesetzt aus dem Lateinischen bi = zwei und folium = Blatt und bezieht sich auf die Anzahl der grundständigen Laubblätter.


Wegscheid im Bayerischen Wald; Mitte Juni
Foto: H. Presser

Beschreibung:

Im Durchschnitt erreicht die Zweiblättrige Waldhyazinthe eine Wuchshöhe von ca. 30, kräftige Exemplare bis zu 50 cm. Namensgebend sind die zwei (selten auch bis zu 4) lang-ovalen, ungefleckten Blätter in der grundständigen Rosette, die schräg nach oben gerichtet sind. Am gelb-grünen Stängel finden sich weitere, bis zu 6 kleine lanzettliche Stängelblätter.
Der zylindrische Blütenstand ist in der Regel locker mit 15-25, in seltenen Fällen bis zu 50 weißen bis gelblichgrünen Blüten besetzt und nimmt ca. 1/3 der Wuchshöhe ein.
Die abwärts gerichtete Lippe ist ungeteilt, lang zungenförmig mit einer gelblichen bis grünlichen Spitze und einem waagrechten, fadenförmigen, nicht verdickten, bis zu 30 mm langem Sporn, der in der Spitze Nektar führt.
Die seitlichen Sepalen sind ausgebreitet und waagerecht abstehend.
Schutz für die Säule bilden die zwei aufgerichteten, sichelförmigen und an den Spitzen zusammengeneigten Petalen und das darüber platzierte eiförmig dreieckige mittlere Sepal.
Ein wichtiges Merkmal bei Platanthera bifolia sind die parallel und eng zueinanderstehenden Staubbeutelfächer.
Die Klebscheiben sind getrennt am Ende des Polliniumstielchens links und rechts des Sporneingangs platziert.

Verwechslungsmöglichkeiten

Platanthera chlorantha ist zumeist kräftiger und in allen Dimensionen etwas größer, die Blüten grünlich weiß, das mittlere Sepal breit herzförmig, Blütenhelm im ganzen deutlich breiter, Sporn seitlich flachgedrückt und verbreitert, Staubbeutelfächer nach unten weit auseinander spreizend mit längeren Stielchen und größerem Abstand zwischen den Klebscheiben.

Weiße Exemplare von Gymnadenia conopsea besitzen keine Grüntöne in den Blüten, breitere, dreigeteilte Lippen und mehrere, schmal-lanzettliche Blätter.


Geretsried , 26.06.2009: Biotop: frische Waldwiese im Voralpenland mit großem Bestand an Weißem Germer und zerstreut Dactylorhiza fuchsii, Epipactis palustris und Listera ovata.
Foto: UG

Lebensraum

Platanthera bifolia ist sehr anpassungsfähig, wodurch sie zu den häufigsten Orchideen in Bayern zählt. Die Biotope sind entsprechend vielfältig. Sie besiedelt Standorte in schattigen Laub-, Misch- und vor allem Buchenwäldern ebenso wie lichte Kiefernwälder und Zwergstrauchheiden. Selbst in Fichtenkulturen wurde sie schon gefunden. Halbschattige bis Vollbesonnte Lebensräume wie Bergwiesen, Borstgraswiesen, Ginsterheiden (Silikatmagerrasen) Streuwiesen in Niedermooren und Hangquellmoore werden von ihr ebenso gern angenommen.
Wie oben bereits ersichtlich, zeigt sie sich zugleich sehr tolerant gegenüber dem Wasserangebot. Die Amplitude reicht hier von mäßig trockenen (z.B. auf Halbtrockenrasen) bis wechselfeuchten und feuchten Arealen in Moorwiesen. Die Bodenreaktion liegt zwischen mäßig sauer (pH-Wert 4,5) bis basenreich (pH-Wert 7).
Nicht selten ist sie in den eher sauren Übergangsmooren des Alpenvorlandes neben Dactylorhiza traunsteineri die einzige Orchidee im Biotop.


Wolfratshausen, Ende Juni 2010:
Freifläche innerhalb lockeren Kiefernbestandes mit Schneeheide und Wacholder. Weitere Orchideen: Gymnadenia conopsea und odoratissima, ferner Orchis ustulata ssp. aestivalis.

Foto: H. Presser

Verbreitung

Dank ihrer Anpassungsfähigkeit ist das Gesamtverbreitungs-gebiet bemerkenswert groß.
Das Areal umfasst praktisch gesamt Europa, ausgenommen Kreta und Zypern im Süden und die Gebiete nördlich des Polarkreises. In Nordafrika wurde sie bisher in Tunesien nachgewiesen.
Die östliche Verbreitungsgrenze ist nicht sicher bekannt. Sollte sich herausstellen dass die Taxa Platanthera bifolia und Platanthera metabifolia identisch sind (morphologisch keine signifikanten Unterschiede feststellbar), würde Japan die östliche Grenze darstellen.

© AHO-Bayern e.V.
Verbreitungskarte im PDF- Format
Verbreitung in Bayern
Im gesamten Bundesland mit Schwerpunkt im Voralpen- und Alpenraum, Fränkische Alb und Spessart-Rhön-Gebiet. Nur vereinzelte Vorkommen im Bayerischen Wald und Fichtelgebirge.

Gefährdung

Auch wenn derzeit keine akute Gefährdung dieser Art in Bayern vorliegt, kann man anhand der rechts stehenden Verbreitungskarte ihren Rückgang in den letzten Jahren nachvollziehen. Vor allem die Vorkommen außerhalb des Voralpenlandes und der Fränkischen Alb haben gravierende Verluste durch Biotopverlust erlitten. Platanthera bifolia ist trotz großer ökologischer Amplitude ein Zeiger, naturnaher und meist artenreicher Lebensräume.
Verschwindet die Zweiblättrige Waldhyazinthe, ist auch mit dem Verlust etlicher weiterer, oftmals höher gefährdeter Arten zu rechnen.
Aus gesamtdeutscher Sicht sind die Rückgänge bereits erheblich.
Um auf diese aufmerksam zu machen, wurde sie von den Vorständen der Arbeitskreise Heimische Orchideen zur Orchidee des Jahres 2011 gewählt.

--> Faltblatt


Blütenstandsauschnitt, Babenstuben 28.06.2003
Foto: U. Grabner

Gelting, 02.07.2010: etwas versauerter Bereich einer frischen Streuwiese mit Fleischfarbenem und Traunsteiner Knabenkraut, Gemeinem Fettkraut, Mehlprimel und verschiedenen Enzian-Arten.
Foto: UG

Sterile Pflanze bei Wolfratshausen, 17.05.2003
Foto: UG

Südhang der Benediktenwand mit extensiv beweideten Almen auf ca. 1200 m Höhe; 26.06.2010
Weitere Arten: Gymnadenia odoratissima, Gymnadenia alpina und Dactylorhiza fuchsii.
Foto: UG

Besonderheiten:
Tagsüber verströmen die Blüten einen kaum wahrnehmbaren Duft, der sich aber im Verlaufe der Dämmerung deutlich verstärkt, was den beiden bei uns vorkommenden Arten auch den Trivial-Namen "Waldhyazinthe" einbrachte.
Obwohl beide Arten mit ihrem, zur Dämmerung hin verstärkten Duft und der weiße Blütenfärbung dämmerungs- und nachtaktive Falter anlocken, sind die Duftbouquets auf verschieden Bestäuber "spezialisiert".
Die Autoren J. CLAESSENS und J. KLEYNEN berichten im Jour. Eur. Orch. 38 (1). 3 - 28. 2006 ausführlich über die arttrennenden Isolationsmechanismen zwischen P. bifolia und P. chlorantha.
An dieser Stell sei erwähnt, dass P. bifolia von Schwärmern (Sphingidae) bestäubt wird, während P. chlorantha vornehmlich Nachtfalter (Noctuidae) anlockt.
Der oben angesprochene auffällige Unterschied bezüglich Stellung der Pollenfächer und Positionierung ihrer Klebscheiben ist ein Resultat der evolutiven Anpassung an die (für die Fortpflanzung der Pflanze) anatomisch "besten" Körperstellen an den Bestäubern.
So werden den Schwärmern die Pollinien von P. bifolia an die Basis ihres langen Rüssels geheftet, während die Nachtfalter diese von P. chlorantha direkt auf die Augen geklebt bekommen.
Aus diesem Grund sind Hybriden zwischen beiden Arten trotz sympatrischer Vorkommen nicht allzu häufig zu beobachten. Sind jedoch die Isoltaionsmechanismen einmal überschritten, treten nicht selten ganze Hybridpopulationen auf, die zudem einen fertilen Eindruck machen.


Kräftiges Exemplar mit ca. 50 Blüten;
Monatshausen, 25.06.2010
Foto: UG


Einzelblüten
Monatshausen, 25.06.2010
Foto: UG

Bestäubte Einzelblüte; die Pollinarien sind entnommen.
Gelting, 15.06.2009
Foto: UG



Links Platanthera bifolia, rechts weißblühende Gymnadenia alpina
Südhang der Benediktenwand, 26.06.2010
Foto: Katja Grabner

Blütenstand
Gelting, 15.06.2009
Foto: UG

Weilheim, Mitte Juni 1988
foto: H. Presser

Monatshausen, 25.06.2010
Foto: UG

Einzelblüte
Marktbergel, 06.06.2010
Foto: Matthias Weiß

Die Stellung der Staubbeutel im Detail:
Links: Platanthera bifolia; Mitte: Platanthera chlorantha; Rechts: Platanthera xhybrida
Aufnahmen: UG

Uwe Grabner

Literatur

AHO Bayern e. V. (Hg.) (2006):
Verbreitungsübersicht der Orchideen in Bayern
Ber. Arbeitskrs. Heim. Orchid., Beih. 7

CLAESSENS & KLEYNEN (2006):
Anmerkungen zur Hybridbildung bei Plathanthera bifolia und P. chlorantha
Jour. Eur. Orch. 38 (1). 3 - 28

PRESSER H. (2002):
Die Orchideen Mitteleuropas und der Alpen
ecomed, Landsberg



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