Herbst-Drehwurz
Spiranthes spiralis
(L.) CHEVALLIER (1827)


Orchidee des Jahres 2001

Unterfamilie: Epidendrioideae
Tribus: Cranichideae
Subtribus: Spiranthinae
Blütezeit: M 8 - M 10

Die Herbst-Drehwurz kommt in unserem Gebiet als letzte Orchidee zur Blüte. Umso schöner ist es, wenn man diese zierliche, jedoch reizvolle Pflanze in den dann schon weitgehend abgeblühten Wiesen- und Weideflächen findet.

Beschreibung

Die schmalwüchsige Orchidee wird 12 – 20 (25) cm hoch, schwache Exemplare auch noch weniger. Der Stängel ist im oberen Teil weißfilzig behaart und trägt einige scheidige Schuppenblätter. Der ährige Blütenstand ist mehr oder weniger gewendelt (bis über 360 °), gelegentlich aber auch fast einseitswendig. Er wird bis 10 cm lang und trägt bis zu 25 Einzelblüten. Die Blüten sind in der Grundfarbe weiß, die Lippe ist jedoch im Unterschied zur Sommer-Drehwurz im Innern leicht grünlich. Die drei äußeren, ebenfalls behaarten Blütenhüllblätter (Sepalen), die zwei inneren (Petalen) und die vorne rundliche Lippe sind etwa 5 bis 7 mm lang und bilden optisch eine nach vorne geöffnete Röhre. Der Rand der Lippe ist gekerbt und erscheint aus der Nähe betrachtet wie ausgefranst.

 - Habitus – Lenggries – 05.09.2009
Foto: H. C. Alt
 - Blütenstand – Lenggries – 31.08.2009
Foto: H. C. Alt
- nächstjährige Blattrosette neben dem Stängel – Mittenwald –
Foto: H. C. Alt
- Blütenstand – Lenggries – 02.09.2008
Foto: H. C. Alt

Besonderheiten

Der Wachstumszyklus dieser Art weicht sehr stark von den anderen heimischen Orchideen ab: Zwischen Juli und August beginnt der Blütentrieb zu wachsen. Zu dieser Zeit sind die spitzeiförmigen grundständigen Laubblätter noch nicht vorhanden. Während der Blütezeit treiben sie dann direkt neben dem Stängel aus. Sie überdauern den Winter und verwelken bis zum Beginn des Sommers. Der nächste Blütentrieb wächst dann aus der Mitte der nicht mehr vorhandenen Blattrosette.
Die Blütezeit liegt im Alpenvorland zwischen Mitte August und Anfang September.


Verwechslung:

In Gestalt und Aussehen ist die weitaus seltenere und früher blühende Sommer-Drehwurz (Spiranthes aestivalis) der hier vorgestellten Herbst-Drehwurz sicherlich am ähnlichsten. Jedoch blüht Spiranthes aestivalis bereits Ende Juli bis Mitte August, besitzt reinweiße Blüten und schmale, um die Stängelbasis rosettig angeordnete Blätter. Sie besiedelt zudem ausschließlich wesentlich feuchtere Biotope.
Als weitere ähnliche Art wäre noch das, im lichten Kiefernwald vorkommende, Kriechende Netzblatt (Goodyera repens) zu nennen, welches aber kugelige, spitz endende Lippen besitzt und Laubblätter mit netzartiger Nervatur (Name!) in einer Rosette um den Stängel.
Die Herbst-Drehwurz ist die einzige in Mitteleuropa vorkommende Orchidee, deren Blattrosette zur Blütezeit stets neben (!) dem Stängel erscheint.

16. 08.2009 Deining (Oberpfalz) - Habitus -
Foto: F. Fraaß
16. 08.2009 Deining (Oberpfalz)
- Blütenstand -
Foto: F. Fraaß

Lebensraum

Die Höhenverbreitung erstreckt sich bis ca. 1100 m.
Spiranthes spiralis ist ein klassischer Kulturfolger. Sie besiedelt in der Hauptsache kurzrasige Magerrasen. Vor allem durch Schafherden beweidete, und damit im Laufe der Zeit zu Halbmagerrasen gewordenen Wiesen bildeten für diese Art einen idealen Lebensraum. Durch den Rückgang bzw. kompletten Ausfall dieser extensiven Art der Beweidung ist die konkurrenzschwache Herbstdrehwurz aus vielen Gegenden verschwunden.
Standorte in Südbayern sind halbtrockene Kalkmagerrasen und Buckelfluren, bevorzugt Hanglagen in südlicher oder westlicher Ausrichtung. Wichtig ist auch hier die rechtzeitige einmalige Mahd (Juli bis Anfang August) oder entsprechende Beweidung, am besten durch Wander-Schafherden.
Stand- oder Dauerbeweidung sind dem Erhalt dieser Orchidee abträglich (LÖBER, G. (2001 [publ. 2002] Ber. Arbeitskr. Heim. Orchid. 18 (2): 197-203; 2001).
Werden die Flächen nicht mehr gepflegt, wird die konkurrenzschwache Art rasch durch höher wachsende Gräser und Kräuter verdrängt.

- Biotop – Lenggries – 02.09.2008
Foto: H. C. Alt

16. 08.2009 Deining (Oberpfalz)
16. 08.2009 Deining (Oberpfalz) - der Lebensraum der Herbst-Drehwurz -
Foto: F. Fraaß

Verbreitung
Eigentlich handelt es sich bei der Herbstdrehwurz um eine typische Art des Mittelmeerraumes. Ihre Vorkommen erstrecken sich südwärts bis Nordafrika.
Gar nicht so selten findet man im Frühjahr in mediterranen Gefilden die teilweise recht stattlichen Blattrosetten in typischen artenreichen Biotopen.
In Deutschland war die attraktive, wärmeliebende Art bis nach Mitteldeutschland relativ gut verbreitet. Vereinzelte Vorkommen gab und gibt es auch heute noch in Norddeutschland.
Mit fortschreitender Intensivierung der Landwirtschaft und einhergehender Aufgabe traditioneller, finanziell unrentabler Wander-Schafhaltung sind auch geeignete Lebensräume für diese Orchidee sehr selten geworden. Deutschlandweit ist der Rückgang der Herbst-Drehwurz-Vorkommen erschreckend und alamierend! Sie gehört zu den "Spitzenreitern" der Bestandsrückgänge!

© AHO-Bayern e.V.

Verbreitung in Bayern/ Gefährdung:
In Bayern liegen die Verbreitungsschwerpunkte im Bereich der südlichen Frankenalb (Altmühltal) und im Alpenvorland bzw. in den Tallagen der Bayerischen Alpen. Im Osten und Nordosten Bayerns sind keine aktuellen Vorkommen bekannt.
Trotz des eher lückigen Vorkommens bildet das Bundesland Bayern sogar den Verbreitungsschwerpunkt innerhalb ganz Deutschlands und hat gegenüber dieser Art eine ganz besondere Verantwortung inne.

Gefährdung:

Verbuschung, Eutrophierung, Aufforstung der letzten verbliebenen Flächen.

Verbreitungskarte im PDF- Format
29.08.2004 Landsberg/ Lech - der Blütentrieb befindet sich neben der Blattrosette -
Foto: U. Grabner
29.08.2004 Landsberg/ Lech - Einzelblüte frontal mit Blick auf Pollinien und Klebscheibe -
Foto: U. Grabner

Hans Christian Alt

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